FTI-Strategie und Krisenbekämpfung
Der erste FT-Strategieprozeß, an dem ich als Koordinator von TIP im WIFO (gemeinsam mit dem damaligen Forschungszentrum Seibersdorf) beteiligt war, gipfelte 1994 in der Präsentation des Technologiepolitischen Konzepts der Bundesregierung. In einem einjährigen, sehr intensiven Prozeß zwischen den Forschungsinstituten, dem Wissenschaftsministerium, Professoren und Unternehmensforscherinnen strebten wir einem präsentationsmäßigen Desaster bei der Vorstellung des Konzepts an den damaligen Wissenschaftsminister entgegen: dieser saß hinter einem Aktenberg auf erhöhtem Podium, aß während der Präsentationen Äpfel, blätterte in Akten und mokierte sich dann über von uns verwendete Termini wie „missionsorientierte“ Strategie unter Hinweis auf a) das „unverständliche linke Soziologenkauderwelsch der deutschen 68er-Szene und b) den Katholizismus, der „Missionen“ als Bekehrung von „Eingeborenen“ begriff.
Es ist zu hoffen, daß heutige Policy-Maker die Strategieentwicklung ernster nehmen. Die Zeiten für die Wirtschaftsstandorte sind aufgrund der verstärkten und globaleren Konkurrenz schwerer geworden (auch ohne die aktuelle Krise), die gesellschaftlichen Herausforderungen an die Technologiepolitik größer (Pandemien, Klimawandel, Energiesituation, Nahrungsmittelknappheit, Alterung der Bevölkerung, Verarmung weiter Schichten, etc.) und die politischen Spielräume kleiner (kurzfristige Notwendigkeiten verdrängen längerfristige Maßnahmen). Darüber hinaus ist heute das Wissen um die Notwendigkeit der Einbindung weiterer Stakeholder in die Strategiebildung allgemeiner, vor allem weil Einbindung zurecht als Grundvoraussetzung (notwendig, nicht hinreichend) für Akzeptanz gesehen wird. Darüber hinaus hat sich in den letzten 15 Jahren die Wissensbasis massiv erweitert – auch wenn das nicht unbedingt allen politisch Verantwortlichen bewußt ist. Mit einem Wort: zu sagen: so haben wir es schon immer gemacht, so machen wir es jetzt wieder, reicht nicht, reicht noch weniger als damals.
Wie könnte nun heute ein Strategieprozeß organisiert sein? Dazu gibt es viele Antworten, die auf das jeweilige Land, seine Voraussetzungen, seine Herausforderungen, seine Industrie, seine Bevölkerung zugeschnitten sein müssen. Man kann zwar von anderen lernen, aber 1:1 Kopien führen sicher zu Fehlschlägen.
Folgende Kriterien sollten jedenfalls beim Design eines Strategieprozesses für Österreich berücksichtigt werden:
- Zielsetzung einer FT-Politik ist die mittel- bis langfristige Hebung des materiellen und immateriellen Lebensstandards der in Österreich Lebenden.
- Eine FT-Politik kann sich nicht auf den Forschungsprozeß und seine Umsetzung in Produkte beschränken, sondern ist zu verschränken mit Schul- und Universitätspolitik, Ausbildung, Umwelt- und Sozialpolitik, Kulturentwicklung und Wirtschaftspolitik. Nur wenn all diese gemeinsam bedacht und aufeinander abgestimmt werden, bzw. in die Lage versetzt werden, flexibel aufeinander positiv zu reagieren, sind Erfolge zu erwarten.
- Die einzelnen Stakeholder einer Gesellschafts- und FT-Politik haben unterschiedliche Präferenzen, Wertvorstellungen und Prioritäten. Keiner hat Generalvertretungsanspruch, die verschiedenen Interessenslagen müssen berücksichtigt werden. Da alle stakeholder zur Strategieentwicklung und vor allem –umsetzung als aktive Teilnehmerinnen benötigt werden, ist ihre Akzeptanz – wenn schon nicht der Ziele, so zumindest der Prozesse, die als „fair“ beurteilt werden müssen – notwendig.
- Konkret bedeutet dies, daß weder allgemeiner Konsens, noch 51%-Mehrheiten den Einsatz der FT-Instrumente bestimmen werden/dürfen, sondern daß der Vielfalt von Herangehensweisen und Zielsetzungen Rechnung getragen werden muß. FT-Strategie „aus einem Guß“ gibt es nicht.
- Für die Strategiebildung sind genauso Expertenwissen, wie die Wünsche der Betroffenen wichtig. Fokusgruppen, elektronische Foren, Townhall-Meetings und andere Instrumente sind zur Informationsbeschaffung, Abtestung von Akzeptanz, Beschlußfassung zu verwenden. Die Erarbeitung von Strategien im stillen Kämmerlein oder einsamen Großraumbüro ist von vorgestern.
- Da viele Innovationen sich in Produkten und Dienstleistungen äußern, sind jedenfalls auch die Produzentinnen in den Strategiebildungsprozeß einzubeziehen. Dennoch sind auch Prozeß- und Organisationsinnovationen nicht zu vernachlässigen. In relativ reichen Gesellschaften mit hohem Sättigungsgrad an Konsumgütern werden immaterielle Innovationen zur Erhaltung und Hebung des Lebensstandards wichtiger. Dennoch zeigt gerade die derzeitige Krise, daß auch in sehr reichen Gesellschaften zunehmend Armut und Ausschließung produziert wird, die eher mit materiellen Innovationen zu bekämpfen sind.
Die derzeitige Krise hat riesige öffentliche Ausgaben zur Krisenbekämpfung mobilisiert. Etwa 3 Billionen $ sind weltweit bereits zur Stabilisierung des Finanzsystems und zur Konjunkturstimulierung eingesetzt worden. Die OECD-Länder haben im Schnitt etwa 2% des BIP konjunkturstabilisierend eingesetzt. Leider zeigt eine Analyse der damit verbundenen Ausgaben- und Steuerstrukturen, daß primär auf Armutsbekämpfung (sozialpolitisch lobenswert), allgemeine Steuererleichterung (wenig spezifisch) und Vorziehen von Infrastrukturprojekten (wachstumspositiv, aber FT-mäßig traditionell) eingesetzt wurden. Die große Chance, Konjunkturstabilisierung mit einer vorausschauenden Zukunftssicherung zu verbinden, also in Innovationen zu „investieren“, d.h. in Ausbildung, Forschung, Entwicklung, Kultur scheint im Moment vertan. Möglicherweise sind deren Lobbies zu schwach, oder die Politik zu einfallslos? Die Notwendigkeit zur Zukunftssicherung kann jedenfalls nicht auf die Zeit „nach der Krise“ verschoben werden. Sie ist seit langem überfällig.
Zur Person: Kurt Bayer ist Director bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) in London. Davon war er unter anderem Executive Director bei der Weltbank, Leiter der Gruppe Wirtschaftspolitik und Internationale Beziehungen im Finanzministerium und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung. Kurt Bayer blogt auf http://kurtbayer.wordpress.com