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Die Ratsversammlung sowie die meisten namhaften ExpertInnen sind von den grundsätzlich positiven Wirkungen von Forschung, Technologie und Innovation überzeugt, wenn sie mit entsprechendem Ethos und kritischer Reflexion entwickelt, öffentlich diskutiert und eingesetzt werden (vgl. Strategieelement FTI und Gesellschaft). Vor allem die Wirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit – und damit auf Wachstum und Beschäftigung – und der Beitrag zur Lösung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen (Klimawandel, Rohstoffknappheit, alternde Bevölkerung etc.) werden als wesentlich empfunden. Während der erste Punkt zur Standardargumentation für Investitionen in diesem Bereich gezählt wird (vgl. Strategieelement FTI-Mittel Input / Output), ist der Lösungsbeitrag von Forschung und Innovation für die anstehenden gesellschaftlichen Herausforderungen kaum systematisch ausgeschöpft worden. Hier liegt – ohne dass der Eindruck erweckt werden soll, dass technologische Neuerungen alleine die anstehenden Probleme lösen können - noch großes Potential, das allerdings nur mit einem holistischen Politikansatz entwickelt werden kann (vgl. Strategieelement Governance).

Kommentare

mueller.irene says:

"alternde Gesellschaft"

In die Strategie 2020 sollten auch die Aspekte der "alternden Gesellschaft" aufgenommen werden, die mit "Leben mit Krankheit" sowie (überwiegend weibliche und unbezahlte Betreuer) Betreuung und Pflege von (alten) Menschen zusammenhängen. Es geht um die Fragen, welchen Platz haben Menschen in unserer Gesellschaft, die nicht mehr oder noch nicht oder eingeschränkt ihren aktiven Beitrag zur Gesellschaft leisten können und was brauchen diese Menschen, damit sie ihr Leben ihrem Daseinsentwurf entsprechend leben können. Diese Fragen müssen interdisziplinär beantwortet werden, soziologisch, philosophisch, naturwissenschaftlich, pflegewissenschaftlich, psychologisch etc.

Exzellenz says:

alternde gesellschaft

dieses thema wird in zukunft sicher an bedeutung zunehmen. ich finde, man sollte den vorschlag aufgreifen und das thema in zusammenhang mit den schwerpunkten in die diskussion integrieren.

Hardy says:

Einige schwere konzeptuelle Fehler

Der Begriff des "Ethik" kommt letztlich aus der Moraltheologie und steht daher in krassem Gegensatz zu wissenschaftlicher Vorgangsweise. Er kann daher entfallen; worum es geht ist mit "kritischer Reflexion" ausreichend beschrieben.
Wenn Rat und "ExperptInnen" die Wirkung von FTI hauptsächlich als Vehikel zur Erlangung nationaler Wettbewerbsvorteile "empfinden", so ist das eher bedauerlich, spricht gegen diese und sollte nicht auch noch in einem Strategiepapier festgeschrieben werden. FTI dient nämlich der Wohlfahrtssteigerung der Gesamtbevölkerung; daß nationale Konkurrenz (statt Kooperation) besseres Wachstum und höhere Beschäftigung bringt ist eine höchst gewagte (und politisch einäugige) Hypthese!
Bei den "großen gesellschaftlichen Herausforderungen" fällt auf, dass einerseits die rasch wachsende Ungleichheit von Vermögen und Einkommen (national und global) fehlt. Dass aber andererseits ein höheres Durchschnittsalter der Bevölkerung als Problem, statt als Erfolg gesehen wird. Soll hier implizit die Angst vor der Finanzierbakeit von Pensionen angesprochen werden? Auch hier wäre das eine starke (und m.E. unzutreffende) Hypothese, die in einem Strategiepapier fehl am Platze ist. In Klammer sollte als Beispiel für gesellschaftliche Probleme besser die Beschäftigungsproblematik stehen, neue Bechäftigungsmodelle sind soziale Innovationen.
Letztlich ist "holistisch" ein wissenschaftlich untauglicher Modebegriff. Jedes seinem Ziel adäquate politische Maßnahmenbündel hat die Vernetzung der Elemente zu berücksichtigen - das aus der Alternativmedizin entlehnte Wort "holistisch" gibt dem sachadäquaten Vorgehen einen mystischen Touch, den dieses nicht verdient hat.

Exzellenz says:

ethik oder kritische reflexion?

mag schon stimmen, was sie schreiben. aber geht es hier um eine etymologische auseinandersetzung oder darum, ein im diskurs durchaus gängiges vokabular zu verwenden? ich meine natürlich, es sollte um letzteres gehen, denn dann wissen alle, worum es geht. schliesslich gibt's ja auch eine bioethikkommission und keine biokritischerefelexionskommission, oder???

rede says:

Hardys Argumente ernst nehmen

Ich möchte noch anfügen, dass der Wachstumsbegriff, der hier recht unkritisch verwendet wird, immer stärker in Gegensatz zu den Problemen, die die Forschungsstrategie auch noch beseitigen möchte, tritt. Denn Wachstum, als quantitativer Zuwachs von (monetären) Werten definiert, ist eine der zentralen Ursachen für die Probleme (Klimawandel, Ressourcenverknappung etc.), die nun mit Hilfe von F&E gelöste werden sollen.

maxolotl says:

Grobe Verwechslung

Bitte hier nicht Ethik und Moral miteinander verwechseln! Das sind nicht Äpfel und Birnen, das sind Äpfel und Hufeisen, die Sie da in einen Topf werfen!

ENG says:

Häufiges Phänomen: Vereinseitigung zugunsten der Technologie

Oft ist bei den Unternehmen, in der Struktur der Förderschienen für Wirtschaft und Wissenschaft sowie in der Kommunikation an die Öffentlichkeit im Wesentlichen von Technologie die Rede, wenn eigentlich Innovation gemeint ist. Dies führt zu zwei Grundirrtümern:
- Technologie = Lösung
- Technologiedefizite sind der limitierende Faktor

Statdessen müsste es heißen:
- Technologie ist Lösungsbestandteil und
bedarf darüber hinaus noch ____
(abhängig vom Einzelfall)
- Technologiedefizite können, müssen aber nicht
immer der limitierende Faktor sein - vielmehr wird
Potential verschenkt, wenn die tatsächlich limi-
tierenden Faktoren nicht erkannt und verbessert
werden

Helmut Haberl says:

More of the same wird die Probleme vergrößern statt umgekehrt

Das Ziel von Forschung und Technologieentwicklung kann nicht allein in der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit bestehen, behübscht durch Lippenbekenntnisse zu Ressourcen- und Klimaschutz, garniert mit der Überzeugung, dass Technologie die Probleme schon lösen wird. Die Zahl der Menschen, die das glauben, nimmt drastisch ab, und mit gutem Grund.

Wirtschaftswachstum im Sinn von GDP-Wachstum bedeutet nur: Wachstum der Menge an wirtschaftlicher Aktivität. So, wie unsere Gesellschaften verfasst sind, geht es ohne Steigerung der Aktivität nicht. Aber: verbessert das unser Leben? Gerade die derzeitige Wirtschaftskrise sollte als Hinweis darauf verstanden werden, dass das schon lange nicht mehr stimmt.

D.h. wir brauchen ein grundsätzliches Nachdenken über denkbare Entwicklungsmodelle. Dies umso mehr, als aus ökologischen Gründen völlig ausgeschlossen ist, dass wir die globalen Probleme von Armut, Hunger, "Unterentwicklung" usw. lösen, indem wir jene zwei Drittel der Weltbevölkerung, die in den sogenannten "Entwicklungsländern" leben, in unser industriegesellschaftliches Entwicklungmodell integrieren. Dafür reichen weder die natürlichen Ressourcen aus, noch die Aufnahmekapazität der Biosphäre für unsere Abfälle, besonders Treibhausgase. Letzters ist vermutlich sogar das drängendere Problem.

Hier braucht es Vielfalt, Interdisziplinarität, Kreativität, Einbeziehung der Menschen außerhalb des Elfenbeinturms usw. usw. Technologie ist ein Element der Lösung, keine Frage, aber nur eines von vielen. Dies muss eine österreichische Forschungsstrategie m.E. zur Grundlage haben. Die vorliegende tut das nicht.

Bild von johannes gadner
johannes gadner says:

laufende Abstimmung zu dieser Frage

Die Diskussion hat gezeigt, dass es zu der Frage, welche Motive für Investitionen in Bildung, Forschung und Innovation die "richtigen" sind, offenbar mehrere kontroversielle Meinungen gibt. Daher wird die Thematik aktuell zur Abstimmung gebracht: http://www.forschungsstrategie.at/de/Umfrage

frosch says:

Prioritätensetzung umkehren!

Die Lösung der gesellschaftlichen Probleme und der Umweltprobleme sollte in diesem Punkt eindeutig an erster Stelle stehen!
Wie schon von anderen Diskussionsteilnehmern hier festgestellt, ist das Wirtschaftswachstum eine der Hauptursachen für einige dieser Probleme (z.B. Klimawandel) - und betrachtet man die Entwicklung der Entkopplung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft sogar der Anstoss für die derzeitige Wirtschaftskrise.
Es muss darum gehen, eine faire Gesellschaft zu entwickeln, in der jeder seinen Platz hat (egal ob alt oder jung) und die darauf achtet, dass nachfolgende Generationen weltweit gesehen bessere Lebensbedingungen vorfinden als die nun lebende Generation.
Dazu soll Forschung einen Beitrag leisten – mit der Entwicklung ressourcenschonender Technologien aber auch mit der Entwicklung neuer Konzepte für die Wirtschaft und für den Umgang mit den natürlichen Resourcen, von denen viele wie z.B. die Artenvielfalt nicht durch Technologie wiederhergestellt werden kann.
Natürlich soll es auch zweckfreie Grundlagenforschung geben, die jedoch nicht im Widerspruch zu den oben genannten Prinzipien stehen soll.