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Die deutlichsten Rückstände weist Österreich in den Kategorien Humankapital, Verfügbarkeit von Risikokapital und radikalen Innovationen (Umsatzanteil mit Marktneuheiten) auf. Diese Rückstände sind schon länger bekannt – ein im europäischen Vergleich signifikanter Aufholprozess ist allerdings nicht zu beobachten. Diese Entwicklung weisen darauf hin, dass genau jene Faktoren, die für den Sprung an die technologische Spitze wichtig sind (Risikokapital, Humankapital, radikale Innovationen) in Österreich noch nicht ausreichend etabliert sind.

Kommentare

mueller.irene says:

Bildung

Der Zugang zu Bildung ist in Österreich (zu) sehr von
der sozialen Herkunft abhängig. Ein sehr gutes Bildungssystem ist in der Lage, diese Zugangsbeschränkungen zu überwinden. Das heißt, staatlich (nicht Gemeinde!) finanzierte Kinderbetreuung (ab 1/2 Lj.) und Ganztagesschulen (Finnland), damit der Anteil an Maturanten und Hochschulabgängern in ALLEN sozialen Schichten wächst. Die Lust auf Wissenschaft und Entdecken unbekannter Zusammenhänge hängt auch von Lehr- und Lernmethoden ab, die in allen genannten Bereichen erst Eingang finden müssen. Lernen und forschen macht glücklich, aber eben nur dann, wenn sowohl die Infrastruktur für Lernen unf Forschung gegeben sind als auch dass Menschen davon ihren Lebensunterhalt bestreiten können.

Exzellenz says:

bildung, bildung, bildung

eigentlich sollte es eine bildungsstrategie für österreich geben. die meisten probleme resultieren doch wohl aus der tatsache, dass in diesem land zu viele menschen frühzeitig aus dem bildungssystem ausselektiert werden. in fast keinem anderen land - zumindest wenn man den oecd-daten trauen mag - findet eine derart frühe und noch dazu sozial determinierte selektion statt. hier muss man ansetzen!

Marita Haas says:

Bildungsstrategie

Ich halte Ihren Kommentar im Hinblick auf eine "Bildungsstrategie" für sehr wertvoll. Gleichzeitig birgt die Diskussion des Themas Bildung in Zusammenhang mit der FTI-Politik die Klarheit, dass hochqualifizierte Forschung ohne Humanressourcen und einem an Forschung angelehnten Bildungssystem nicht möglich ist.

In der Tat sind die größten Stolpersteine unseres Schulsystems die hohe soziale Selektivität (Anteil der Studierenden aus ArbeiterInnenefamilien liegt unter 10%), andererseits auch die starke Segmentierung im Alter von 9-10 Jahren und die "vorprogrammierten" Bildungsverläufe: Ein Hauptschulkind wählt tendenziell eher einen Lehrberuf, ein Unterstufenschulkind entscheidet sich entweder für eine AHS und für ein geistes- und sozialwissenschaftliches Studium oder für eine BHS und je nach Fachrichtung für ein technisch/naturwissenschaftliches oder wirtschaftliches Studium.

Das heißt umgekehrt auch, dass Kinder aus bildungsferneren Schichten bereits beim Schuleintritt (oft sprachlich bedingt) nachhinken, was sich bis zum Ende der Volksschule (unter anderem aufgrund fehlender Ganztagesschulen und der Delegation der Bildung in die Familien) nicht ausräumen lässt. Potenzial geht somit auch an den vielen Schnittstellen des Bildungssystems verloren.

Ich halte es daher für gut und wichtig, Bildung und Forschung immer in Kombination zu diskutieren.

Bild von Rainer Hasenauer
Rainer Hasenauer says:

Radikale Innovationen

Die technologische, forschungsnahe Radikalität von Innovationen wird mit zunehmender Nähe zum Markteintritt gedämpft, da für eine erfolgreiche, marktwirksame Innovation die Beachtung zahlreicher Bedingungen (Normen, Implementationsumgebung etc.) und die Risikowahrnehmung der adressierten Marktteilnehmer wirksam werden.

Die vom Forscher propagierte Innovationshöhe ("Radikalität") und die vom Markt akzeptierte Innovationshöhe bilden jene Kluft, welche die sogenannte und empirisch festgestellte "assimilation gap" verursacht.

Das schrittweise Heranführen bzw. Entwickeln der Märkte an radikale Innovationen erfordert einen wechselseitigen, vertrauengenerierenden Lehr-/Lernprozeß, sodaß die "Radikalität" marktwirtschaftlich / kapitalwirtschaftlich (Risikokapital) verträglich wird.

Kurt Woletz says:

Radikale Innovation

Wenn radikale Innovation gewünscht wird, dann muss man auch die Möglichkeit des Scheiterns von Vorhaben akzeptieren! Ich kann nicht "radikal" sein, aber gleichzeitig "muss" jedes Vorhaben ein Erfolg werden. Die heutigen Forschungsförderungssysteme werden immer "scheiternsunfreundlicher", da immer mehr Co-Finanzierung der Industrie gefordert werden, die natürlich nur den schnellen, sicheren Erfolg sucht.

MMoschner says:

Innovationskraft

Wie kann man bei einem EU-Innovations-Indikator Spitze sein, wenn man gleichzeitig bei der Verfügbarkeit von Risikokapital Schlusslicht ist - und zwar Schlusslich seit langer Zeit?
Da kann wohl etwas an den Indikatoren nicht stimmen!?!
Die Tatsache, dass keine privates Risikokapital verfügbar ist, ist nicht zu leugnen. Ohne Risikokapital aber keine Innovation (öffentliche Gelder sind zwar nett zur Selbstverwirklichung einiger kluger Köpfe/wirtschaftlichen Durchbruch mit Produkten bringen sie aber nur sehr selten). Ohne echte Innovation, die auch wirtschaftlich Erfolge bringt, aber kein Wohlstand.
Was wird getan, um ein Umfeld zu schaffen, das Innovationen förderlich ist? (Mit "förderlich" ist aber um Gottes Willen nicht "fördern" gemeint, sondern "Entstehungshilfe"!)
Wieso wird nichts getan, um die in Abschnitt 5 angesprochenen Rückstände zu schliessen?

futurologist says:

Indikatoren

Die Indikatoren stimmen schon lange nicht mehr

octogon says:

Innovationskraft

Nicht alle Innovationsvorhaben benötigen Risikokapital in Form von Venture Capital. In den mittleren und kumulativen Technologiesegmenten mit etablierten Unternehmen - in denen Österreich besonders stark ist - reicht die Eigenkapitaldecke von mittelständischen Unternehmen mit der recht großzügigen öffentlichen Förderung vollkommen aus um Produktinnovationen zu generieren. Von einer besonderen Stärke Österreichs bei Biotechunternehmen (mit ein zwei aussnahmen) und IKT hätte ich bisher nichts gehört. Aber die schwäche an Risikokapital muss nicht nur eine Angebotsschwäche sein sondern kann auch eine Schwäche in der Nachfrage (gute unternehmerische Projekte) sein.

Helmut Haberl says:

Forschungsquote alleine reicht nicht

Die Grafik ist für mich insofern überraschend, als mir nicht bewusst war, wie sehr Österreich bezogen auf die Forschungsquote mittlerweile aufgeholt hat. Das ist ja an sich erfreulich und begrüßenswert.

Gleichzeitig erlebe ich, dass die Mittel gerade in meinem Bereich, der gesellschaftsbezogenen Umwelt- und Klimaforschung - also einem Schlüsselbereich der Nachhaltigkeit - immer knapper werden. Einerseits gibt es praktisch überhaupt keine thematisch bezogenen Programme für diesen Bereich mehr (mit Ausnahme der technologiebezogenen "... der Zukunft"-Programme des BMVIT, die aber eben nur den techn-nahen Bereich abdecken), proVISION hingegen dümpelt dahin, bringt keine Ausschreibungen zu stande und ist mit Erwartungen weit über die wenigen verfügbaren Mittel hinaus überfrachtet. Andererseits wurden die Mittel für den FWF gekürzt, sodass die Bewilligungsquote unter ein gesundes Maß gesunken ist und daher die Grundlagenforschung ebenfalls ausgedünnt wurde.

Es drängt sich daher der Eindruck auf, dass offenbar das Geld in andere Bereiche - wohl eher jene, die schnelle wirtschaftliche Verwertung ermöglichen? - gepumpt wird. Ich gönne es ihnen, aber es braucht auch Geld für jene Zukunftsprojekte im Bereich der interdisziplinären Nachhaltigkeits- und Umweltforschung, Klimaforschung (Impacts, Adaptation, Mitigation und deren Wechselwirkungen), Ökosysteme und deren Bedeutung für die Gesellschaft, Ökologische Ökonomik usw. usw., die immer mehr unter die Räder kommen.

Mit anderen Worten: Forschungsquote schinden ist der falsche Weg. Es braucht nicht nur quantitatives Wachstum der Ausgaben für Forschung (ja, die braucht es auch weiterhin), es braucht auch Qualitätsverbesserungen. Die dürfen sich nicht nur (ja, schon auch, aber nicht nur!) an wirtschaftlicher Verwertbarkeit, und auch nicht nur an ISI-Impactpoints orientieren. Gesellschaftliche Bedeutung und Integration müssen auch wichtige Ziele darstellen. Es braucht auch Qualitätskriterien für Forschung, die eine Orientierung daran, was für die Gesellschaft nötig und wichtig ist, in den Vordergrund stellen - neben klassischen Effizienzmaßen.

Prof. Dr. Karl ... says:

Vor allem aber fehlt ein

Vor allem aber fehlt ein grundlegendes Fundament der Bildung in der Breite der Bevölkerung. Wenn Studierende (kein Migrantenhintergrund) an der Universität Kurse in der Beherrschung der deutschen Sprache und in der analytischen Lesefähigkeit besuchen müssen, wenn kein Wissen über Geschichte und Kultur mehr in den künftigen Trägergenerationen mehr vorhanden ist, dann wird das ganze Konzept scheitern. Ohne Basis keine Spitze!