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Das Verhältnis zwischen Wissenschaft/FTI und Gesellschaft ist nicht allein auf die Frage nach der passenden Form der Informationsvermittlung reduzierbar. Ein produktiver Dialog braucht Kommunikations- und Verhandlungsformen, die nicht nur wachsenden demokratischen Anforderungen entsprechen, sondern auch eine Übersetzungsfunktion in Wertekonflikten einnehmen können. Dadurch werden Möglichkeiten und Räume für die kritische Prüfung und die informierte Diskussion wichtiger Fragen von öffentlichem Interesse erögffnet, an denen die Zivilgesellschaft, Interessengruppen, WissenschafterInnen und ForscherInnen sowie politische EntscheidungsträgerInnen teilnehmen, um derart „sozial robustes Wissen“ herzustellen. Der Erfolg solcher partizipativer Verfahren hängt dann aber davon ab, dass die gesellschaftlichen Inputs tatsächlich in den politischen Willensbildungsprozess rückgekoppelt werden und das gesellschaftliche Engagement damit eine gewisse Nachhaltigkeit erfährt.

Kommentare

Barbara Streicher says:

science in society

Hier fehlt der Bezug auf die (internationale) Entwicklung von "Public Understanding of Science" über "Public Awareness of Science" über "science & society" bis hin zu dem in aktuellen EU-Programmen verwendeten Terminus "science in society".

In diesem Sinne sollte Wissenschaftskommunikation keine Form der Werbung oder PR-Maßnahme sein und auch nicht auf Informationsvermittlung reduziert werden.

Immer wieder scheint in Textpassagen das kaum mehr aktuelle "deficit model" im Sinne von "mehr Information würde zu mehr Akzeptanz führen" durch.

Übersetzungsfunktionen braucht es auf mehreren Ebenen, nicht nur hinsichtlich Werten.

Partizipation ist nicht nur dann erfolgreich, wenn sie Einfluss auf der Ebene politischer Willensbildung bewirkt. Auch eine einzelne offene Begegnung von WissenschafterInnen und Laien kann für die beteiligten Personen sehr erfolgreich sein und sich letztlich auf die Beteiligung an aufwändigen partizipativen Verfahren auswirken.

die unbequeme Stimme says:

EU Kontext

Danke für die Anmerkung, das ist mir auch aufgefallen, daß in diesem Kapitel der EU Kontext völlig fehlt.

Thomas Lindenthal says:

Werte

Der Diskurs über Werte (Absatz 73, 77, 78) bräuchte zudem immer auch die Offenlegung der eigenen Werte und die selbstkritische Reflexion über (unbewusste) „Technik-Faszinosen“ (C.G. Jung), verborgene Absichten und "unreflektierte Nebenwirkungen"! Zudem verlangt der im Strategiepapier festgehaltene Anspruch nach Dialog und Partizipation (in Absatz 80 sogar als strategische Leitlinie festgehalten!) zum einen das Ernstnehmen der Ängste der Gesellschaft (es könnten auch intuitiv warnende Inhalte enthalten sein, die hinter den Ängsten stehen). Zum anderen bedeutet Dialog immer das Führen von Gesprächen auf gleicher Augenhöhe. Die daraus folgend unverzichtbar notwendige Einstellung, die Gesellschaft in ihren Ängsten ernst zu nehmen, erweckt dieses Papier aber nicht. Wenn also partizipative Verfahren angepeilt werden, dann bedeutet das ein offener Lernprozess wohl auch für die Wissenschaft!